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01 Gründerin & VR-Expertin Claudia Kiani über Informationsmangel, fehlende Best Cases und Potenziale

Aktualisiert: Juli 1

Für unser erstes Interview zur Reihe "Gesteigerte Relevanz von AR & VR durch Corona für Unternehmen und Bildungseinrichtungen? – Potenziale und Hürden bei der Implementierung" hat die Unternehmensgründerin Claudia Kiani mit uns über den Einsatz von AR und VR gesprochen, aber auch Kritik ausgeübt. Ihr Unternehmen erstellt 360° Anwendungen für ihre Kunden, trotzdem ist VR keine Allround-Lösung für sie.

Die Expertin



Claudia Kiani


Co-Founderin omnia360 | VR & 360 Content-Creation | Speakerin XR- Technologies & Entrepreneurship | Vorstand nextReality.Hamburg


Tech-Branche




Kontaktpunkte zur AR/VR:

  • Unternehmensgründung von Omnia360°: Agentur zur Erstellung von 360-Grad Content und Beratung rund um Thema VR

  • Engagement in AR/VR Szene

  • Besitz und Nutzung eigener Oculus Quest für Gaming und z.B. um Anwendungen von Wettbewerbern ausprobieren

  • Fokus eher auf VR


„Ich würde mir wirklich wünschen, dass Hochschulen und Universitäten die Rolle als Vorreiter einnehmen beim Einsatz von VR/AR, damit Schulen und andere Bildungseinrichtungen nachziehen. - Das Potenzial ist einfach riesig!“

Key Insights:

  • Die Corona-Pandemie hat Anreiz für viele Unternehmen sich über digitale Lösungen zu informieren messbar erhöht, aber Informationsmangel für Anwendungsfälle, fehlende Best Cases und eine mangelnde Zahlungsbereitschaft hindern den Einsatz. 

  • Berührungsängste bei Verbrauchern und Unternehmen durch Negativerfahrungen zu Beginn des VR-Hypes

  • Abschottung in VR ist Fluch und Segen zugleich: förderlich, um die volle Aufmerksamkeit des Users und Immersionsgefühl zu fördern aber hinderlich, da man Inhalte nur allein erlebt und viele sich nicht wohl fühlen mit dem Wissen „Ich werde beobachtet aber sehe selbst niemanden.“. 

  • Hochschule und Universitäten sollen Vorreiterrollen einnehmen beim Einsatz von VR/AR für die Lehre, sodass Schulen und andere Bildungseinrichtungen nachziehen

  • VR eignet sich als Massenmedium für Unternehmen und AR für den privaten Gebrauch

1) Aus welchem Bedürfnis heraus haben Sie Omnia 360 Grad gegründet?

Wir haben unsere Agentur Omnia 360° zu dritt vor ca. 3 Jahren gegründet. Die Gründungsidee kam während unserer Masterarbeit zum Thema „Einsatzpotenziale von VR im Marketing“. Dabei haben wir festgestellt, dass es sehr viele Möglichkeiten gibt. Gerade im Bereich VR mit dem Fokus auf „Reality Capture“, d.h. reale Orte, Geschichten und Momente virtuell erlebbar zu machen, sahen wir enormes Potenzial.


Sind Sie zufrieden mit der bisherigen Entwicklung Ihres Unternehmens?


Zu Beginn dachten wir ehrlich gesagt, dass die Entwicklung und Verbreitung von VR insbesondere in Privathaushalten etwas schneller geschehen. Tatsache ist jedoch, dass VR immer noch ein Nischenmarkt ist.

Wir gehen jedoch davon aus, dass die Corona Krise zu einem Umdenken und einer stärkeren Akzeptanz für neue technologische Lösung führt.


Warum wird die Technologie Ihrer Meinung noch nicht richtig angenommen?


Gerade hier in Deutschland merkt man, dass es noch starke Berührungsängste gibt mit VR, weil Konsumenten beim Erstkontakt mit VR enttäuscht wurden z.B. aufgrund von einer schlechten Anwendung, Motion Sickness* oder einer technologisch schlechten VR Brille, wie z.B. einem einfachen Cardboard mit Smartphone vorne drin. Dadurch haben Sie einen schlechten Eindruck von VR bekommen und dieser Eindruck wurde seitdem nicht mehr revidiert.

Dieses Feedback hat sich auch auf Messen und Events widergespiegelt, auf denen wir waren. Deshalb besteht hier noch sehr hoher Aufklärungsbedarf, dass z.B. High End Brillen eine ganz andere Dimension sind wie einfache VR Brillen für Smartphones und VR nicht einfach nur für den Gamingbereich ist oder ein Ersatz von 3D Fernsehern.

2) Welche Vorteile erleben Sie durch die Nutzung von AR oder VR? Welche Schwierigkeiten oder Hindernisse kommen bezüglich der Nutzung auf?

Vorteile


VR: Für VR sehe ich ganz klar als Vorteil, dass Nutzer und Konsumenten vollkommen in den Inhalt eintauchen, sie haben keine Ablenkung mehr von außen, da die VR Brille einen komplett abschottet. Hinsichtlich der Marketingzielsetzungen sind die Konsumenten dadurch maximal involviert und mit (fast) vollständiger Aufmerksamkeit dabei. Zusätzlich ist die Bedienung und Navigation komplett natürlich und man muss z.B. nicht mehr mit der Maus herumscrollen, stattdessen kann man sich einfach durch Kopfbewegungen umschauen und die Anwendung reagiert auf mich. Das fördert dann auch das Präsenzgefühl, sodass es dem echten Erlebnis deutlich näherkommt und der Konsument sich dadurch mittendrin im Geschehen fühlt.

AR: Bei AR ist es vorteilhaft, dass wir die Möglichkeit bekommen ohne vollkommene Abschottung virtuelle Objekte mit der realen Umgebung zu verzahnen, dadurch lässt es sich besser in die natürliche Lebenswelt der Konsumenten einbinden. Außerdem brauchen wir kein neues Equipment, da auch AR auch über das Smartphone oder Tablet nutzen lässt. Ein großes Potenzial sehe ich beispielsweise im Retailing, um z.B. mein Wunschsofa virtuell direkt in meinem Wohnzimmer anzuschauen, wie es mit der OTTO yourhome AR-App möglich ist.


Nachteile


VR: In VR kann die Abschottung auch zum Nachteil werden! Gerade bei einem Event oder bei Messen haben viele Angst, sich zum „Deppen“ zu machen, weil alle einen sehen aber man selbst sieht die anderen nicht mehr.


Generell AR/VR: Allgemein existiert oftmals ein großes Durcheinander bei den Begriffen. Insbesondere bei Personen, die bislang kaum Berührungspunkte zur Technologie hatten. Hier wird teilweise KI, Blockchain, AR und VR in einen Topf geworfen, weil für sie alles eine Innovation darstellt.

Viele kennen die wirklichen Vorteile des einzelnen Mediums und damit auch die Besonderheiten der Technik nicht. Gerade hinsichtlich des Gesamtverständnis gibt es noch viele Defizite, soll heißen, vielen ist nicht bewusst was mit VR möglich ist und wofür dies sinnvoll ist, ist für viele noch nicht ganz klar. Folglich kennen auch viele Unternehmer noch nicht genügend Use Cases dafür.



3) Stichpunkt Corona Krise: Haben Sie persönlich Veränderungen im beruflichen oder privaten Umfeld und in Bezug auf die Nachfrage nach Ihren VR Inhalten bemerkt?

Direkt messbar ist unser Website Traffic seit Mitte März deutlich angestiegen, da das Suchinteresse und damit auch die Websitebesuche deutlich höher waren.

Zum Beispiel war eine virtuelle Besichtigung bei Maklern oder das Thema virtuelle Museumsrundgänge oder 360°-Rundgänge für andere Kulturbereiche plötzlich wieder viel relevanter.

Zusätzlich fragen sich immer mehr Menschen gerade, wie sie digitalen Zugang zu Events oder anderen Konferenzen schaffen können. Dazu haben sie sich auf unserem Blog informiert oder auch direkt telefonisch. Hier hat man gemerkt, dass ganze Branchen auf einmal aufgescheucht waren, weil sie gemerkt haben, „okay es geht jetzt plötzlich nicht mehr so weiter wie davor, ich brauche eine digitale Alternative.“

Aus der Ratlosigkeit heraus, hatten viele dann einen recht hohen Beratungsbedarf und haben sich deshalb bei uns gemeldet. Der Informationsbedarf, was in dem Bereich aktuell möglich ist und wie man das konkret umsetzen kann ist definitiv gestiegen.


Haben Sie auch negative Erfahrungen gehabt seit der Corona Pandemie?


Dadurch, dass die Wirtschaft gerade verunsichert ist und keiner genau weiß, wie es weitergeht besteht zwar großes Interesse und auch Lust aber die Budgets sind aktuell oftmals noch nicht da.

Ich könnte mir vorstellen, dass das jetzt mittel- bis langfristig schon mehr aufkommt aber viele im Moment noch in einer gewissen Schockstarre sind. Wenn es um Marketingbudgets geht, werden diese in Krisen ja häufig auch als erstes gekürzt.


Gibt es ein interessantes Projekt, dass Sie in dieser Zeit realisiert habt?


Ein Unternehmen, dessen Messeauftritt jetzt ausgefallen ist, hat sich für eine spannende Kombination entschiede: Dazu wurden die Messeexponate im Unternehmenssitz in einer Art Showroom aufgebaut. Diesen haben wir dann mit einer 360° Kamera aufgenommen und sobald das Projekt gelauncht ist, können Besucher die Exponate entweder im Browser am Laptop oder mit einer VR Brille anschauen und dank klickbaren Infopunkten mehr über die Produktdetails erfahren.


4) Wie glauben Sie, wird die Pandemie die zukünftige Nutzung von AR und VR beeinflussen? Erwarten Sie branchen-/ anwendungsspezifische Unterschiede?

Es gibt auf jeden Fall Branchen, die jetzt schneller aktiv werden, gerade wenn es darum geht VR als Kommunikationsmedium zu nutzen, zum Beispiel um eine Konferenz in VR umzusetzen. Dies spiegelt sich auch am aktuellen hohen Informationsbedarf wider.

Hierzu gibt es auch schon einige Plattform, die man dafür nutzen kann. Allerdings ist für viele eine Hemmschwelle, dass man als Avatar auf der Konferenz teilnimmt. Beispielsweise für konservative Branche wie die Banken- oder Versicherungsbranche ist das meiner Meinung noch keine Option sich als comcihafter Avatar zu repräsentieren. Bei technikaffinen Industrien wird das hingegen schon deutlich häufiger genutzt.

Ich glaube, dass die Bereitschaft sich mit solchen Lösungen auseinanderzusetzen auf jeden Fall steigen wird. Dementsprechend werden Anbieter solcher Plattformen ihr Angebot auch weiter entwickeln, weil die Nachfrage steigt. Wir brauchen hier einfach noch mehr Best Cases, die sich aus der Corona Krise heraus entwickeln könnten, sodass Skeptiker sehen, was alles möglich ist. Danach gibt es dann auch einen Zuwachs, vermute ich.

Gerade für Bildungseinrichtungen würde ich mir wünschen, dass es mehr Nutzer werden, da ich das Potenzial riesig finde. Allerdings hat sich ja leider auch gezeigt, dass sich viele Schulen schon alleine mit Home Schooling und der Bereitstellung von klassischen digitalen Inhalten schwertun. Teilweise werden hier einfach Arbeitsblätter als PDF eingescannt und an Schüler verschickt, deshalb glaube ich, dass noch ein langer Weg bis zur breiten Verwendung von VR/AR in Schule vor uns liegt.

Eine Herausforderung ist natürlich auch, dass die Schüler technisch fit sein müssen, damit sie mit dem Endgerät zurechtkommen. In Hochschulen oder Universitäten sehe ich das schon mehr Möglichkeiten. Hier würde ich mir wünschen, dass Hochschulen und Unis als Vorreiter das Thema angehen, stärker ausprobieren und forschen und Schulen dann nachziehen. An der Uni Hamburg weiß ich zum Beispiel, dass im Institut für Informatik rund um Prof. Steinicke viel Pionierarbeit in Sachen VR-Meetings geleistet wird.



5) "In 5 Jahren besitzt fast jeder Haushalt VR Brillen wie z.B. heute Handys und Laptops und verwendet sie für unterschiedlichste Einsatzbereiche wie z. B. Urlaubssimulation, Einkaufen, Meetings, zur Lehre/ als Lernräume."

Wie stehen Sie zu dieser Aussage?

Ich glaub nicht, dass sich VR-Brillen, wie wir sie heute kennen, für die breite Masse als Unterhaltungsmedium für zuhause durchsetzt, da viele einfach ihre Erlebnisse mit Freunden und Partnern teilen möchten und VR das nicht so einfach bietet. Hier kann VR in vielen Fällen zu intensiv sein und viele bevorzugen ein Lean-Back-Medium.

Stattdessen sehe ich den Einsatz von VR eher auf Seiten von Unternehmen zum Beispiel im Einsatz bei Simulationen und Prototyping oder kollaboratives arbeiten. Das wird meiner Meinung nach in 5 Jahren in fast jedem Unternehmen vorhanden sein.

Das Augmented Reality in den nächsten Jahren noch deutlich an Relevanz gewinnen wird, zeigt sich unter anderem daran, dass die Tech-Giganten Apple, Google und Facebook die Entwicklungen rund um AR zunehmend forcieren. Auch wenn mobile-AR aktuell ein guter Einstieg in die Technologie ist, entfaltet sich dabei längst nicht das volle Potenzial, sodass sich hier langfristig Headsets durchsetzen werden, die im besten Fall einen fließenden Übergang von AR zu VR ermöglichen. Sobald wir soweit sind, dass diese Brillen in Hinblick auf Costs, Comfort und Content massentauglich sind, werden wir sie dann sicherlich auch in fast allen Haushalten finden.

Coming Soon....nächste Woche am #digitalthursday berichtet Marbod Lemke, Senior Manager ‎International Training Services & Produkttraining, bei ANDREAS STIHL AG & Co. KG, warum es für ihn keine Frage mehr ist, OB VR kommt, sondern nur WIE. Als mehrfacher Gewinner des elearning Awards im Bereich Innovation, Verwendung von AR&VR zur Trainingssimulation mit Kettensägen seit erster Stunde, zählt er zu den Pionieren in Sachen Learn Tech.

*Motion Sickness: Anwender erleben einen sensorischen Konflikt ausgelöst durch einen exogenen (extern erzeugten) Bewegungsreiz (z.B. ein bewegtes Bild in VR) und dem erzeugten Output (z.B. Erwartung sich selbst zu Bewegen). Dieser sensorische Konflikt zeigt sich beispielsweise durch ein Unwohlsein bis hin zur Übelkeit.

Chardonnet, J. R., Mirzaei, M. A., & Merienne, F. (2017). Features of the postural sway signal as indicators to estimate and predict visually induced motion sickness in virtual reality. International Journal of Human–Computer Interaction, 33(10), 771-785.


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