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04 Universitätsprofessor & Marketingexperte Frank Huber über Corona als Game Changer

Aktualisiert: vor 5 Tagen

Professor Dr. Frank Huber der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz forscht mit seinen wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen zu den Themen Augmented und Virtual Reality als Anwendung im Online Retailing. Die Hochschullehre ist noch weit entfernt von Lehrveranstaltungen mit AR und VR – auch weil die Expertise in der Führungsebene fehlt und man sich aktuell darauf konzentriert überhaupt ein Semester während Corona zu ermöglichen. Trotzdem befürwortet er die Verwendung von VR im Bildungswesen. Frank Huber sieht Corona als Game Changer und Strukturbrecher für den Bereich VR und ist überzeugt, dass sich vieles radikal verändert.

Der Experte



Frank Huber


Inhaber des Lehrstuhls für Marketing I an der Johannes Gutenberg Universität Mainz, Dozent und wissenschaftlicher Beirat zu Marketingthemen, Mitgründer von 2HM (jetzt 2HMforum.)


Bildung, Forschung, Beratung




Kontaktpunkte zur AR/VR:

  • Beruflich durch Forschungsprojekte mit seinen wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen, VR-Pilotprojekt in der Lehre für Wintersemester 2020/2021 geplant, privat keine


„Corona ist ein Game Changer im Bereich VR. Die Pandemie hat einen Strukturbruch verursacht! Unternehmen überlegen sich jetzt, ob Projektteams in Zukunft die Meetings nicht in VR abhalten können."

Key Insights:

  • Qualitätssignale lassen sich in AR /VR besser vermitteln als in einer reinen 2D Darstellung

  • Dienstleistungen, die durch Präsenz geprägt sind, profitieren stark durch den Einsatz von AR/VR

  • AR/VR als technische Unterstützung, damit Unternehmen ihr Geschäftsmodell verändern können

  • VR als Hoffnungsträger für mehr Emotionalität in digitalen Veranstaltungen

  • Ökonomische Auswirkungen von Corona verlangsamen die Verbreitung von VR Equipment in privaten Haushalten

1) Welche Vorteile sehen Sie durch die Nutzung von AR/VR im Hochschulwesen? Welche Schwierigkeiten oder Hindernisse könnte es bei der Nutzung geben?

Die Vorteile im Hochschulwesen sind im Prinzip die gleichen wie in der Unternehmenspraxis. AR /VR schaffen eine gewisse Art von Atmosphäre, ein Präsenzerleben. Es werden bestimmte Formate besser sichtbar gemacht, wie auf einem herkömmlichen 2D-Monitor. Beispielsweise macht es einen Unterschied, ob ich mit den Studenten eine Vorlesung über Zoom mache oder wir uns gemeinsam in einem virtuellen Vorlesungssaal befinden. Durch die 3D und 360-Grad Darstellung in Kombination mit dem stärkeren Gefühl der Immersion (“Eintauchen in die virtuelle Welt”) als auf einem traditionellen Display, habe ich das Gefühl tatsächlich vor Ort zu sein. Die VR ist ein probates Mittel, um das Lernen zu unterstützen.


In der Hochschullehre nicht weniger wichtig ist die verbesserte Möglichkeit durch VR Empathie gegenüber den Studierenden aufzubauen. Die Lehre im Hochschulwesen ist eigentlich der Dienstleistungsbranche zuzuordnen. Da die Qualität einer Dienstleistung für den Abnehmer oft schwer zu beurteilen ist, dienen dem Abnehmer der Leistung häufig Qualitätssignale. Im Vorlesungssaal ist das Einfühlungsvermögen des Dozenten ein Indiz für die Studierenden, ob die Lehre gut ist. Daher muss man aktuell versuchen Qualitätssignale, die man sonst durch reale Interaktion und Präsenz in den Hörsäälen aussendet, nun über digitale Inhalte zu vermitteln. Das gelingt natürlich um einiges einfacher in VR oder mithilfe von AR als auf eine zweidimensionale Art und Weise.


Sehen Sie demnach AR und VR als Zwischenlösung für Corona oder sprechen Sie der Technologie auch eine Relevanz nach der Pandemie zu?


Nein, ich glaube der Stein kommt jetzt erst richtig ins Rollen. Vor Corona war das ganze Thema mit der Realität und den echten bzw. unechten Welten eher eine Eintagsfliege, weil die Notwendigkeit nicht bestand, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Stattdessen hat man an bisherigen Methoden festgehalten.


Ich denke Corona ist der Auslöser das AR/VR nicht mehr als Eintagsfliegen betrachtet werden, weil die Unternehmen gezwungen werden, in das Thema Industrie 4.0 und AR/VR einzusteigen. Corona ist ein Game Changer für den Themenbereich AR/VR. Die Pandemie hat einen Strukturbruch verursacht. Wie früher bei Segelschiffen, bei denen Schiffe erst mit zwei Masten und dann mit drei, vier bzw. sieben Masten gebaut wurden. Klar wurde durch das mehr an Segelfläche das Schiff auch schneller, aber das Grundproblem blieb. Wenn kein Wind da war, brachte auch die größte Takelage nichts. Der Game Changer im Seehandel war das dampfbetriebene Motorschiff, das zwar behäbig, aber immerhin bei fast jedem Wetter über die Flüsse und Meere fahren konnte. Es fand allerdings zunächst in der Seefahrt keine Beachtung. Ohne Corona hätten viele Unternehmen einfach ihre angebotenen Leistungen mit bestehendem Equipment zu verbessern versucht. Durch den wirtschaftlichen Druck und die neuen Regeln des Zusammenarbeiten gilt es, nun sich Gedanken über radikale Lösungen zu machen. AR/ VR sind sozusagen, dass Motorschiff und Corona sensibilisiert Unternehmen dafür, Game Changing zu praktizieren.

2) Stichpunkt Corona Krise: Haben Sie persönlich Veränderungen im beruflichen oder privaten Umfeld in Bezug auf die Nachfrage nach Ihren VR Inhalten bemerkt?


In meinem persönlichen Umfeld ist erstmal keine größere Veränderung bezüglich der Nachfrage zu VR/ AR Inhalten zu beobachten.


Innerhalb meines beruflichen Netzwerks sehe ich allerdings, dass sich der Veranstaltung-, Messe- und Ausstellungsbereich, der mitunter am stärksten von Corona betroffen ist, verändern muss. Und das nicht nur auf kurze Sicht. Auch langfristig wird diese Branche mit starken politischen Regularien konfrontiert sein. Man merkt hier schon, dass nach online Lösungen gesucht und auch versucht wird, das ganze virtuell zu praktizieren. Die Veranstaltungsbranche testet jetzt, wie sie sich stärker technisch und nicht nur physisch aufstellen kann. Unternehmen dieses Sektors verändern bereits ihre Geschäftsmodelle. AR/VR bietet hierbei natürlich auch extrem viele Möglichkeiten, das Ganze realer und interessanter zu gestalten.


3) Wie glauben Sie wird die Pandemie die zukünftige Nutzung von AR und VR beeinflussen? Erwarten Sie branchen-/ anwendungsspezifische Unterschiede?


In manchen Organisationseinheiten, wie z.B. in Bildungseinrichtungen sind die Entscheidungswege sehr lang. Im Eventbereich hingegen müssen Unternehmen jetzt richtig Gas geben und ihr Geschäftsmodell neu erfinden, wenn sie weiter existieren wollen. Aus diesem Grund glaube ich, wird es eine Entwicklung mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten geben, wie schnell sich Abläufe verändern und neue Geschäftsmodelle entstehen. Um langfristig stärker virtuell zu arbeiten und Inhalte anbieten zu können, gibt es meiner Meinung nach keine Zukunft komplett ohne AR/VR. Hinsichtlich des Einsatzes von AR/VR bin ich mir allerdings nicht sicher, in wie weit die Entscheider insbesondere im Bildungsbereich bereit sind und die entsprechende Motivation haben, sich mit der neuen Technik auseinanderzusetzen und diese zu verwenden. AR/VR im Hochschulwesen einzusetzen bedeutet für mich nicht nur einen Schritt weiter zu gehen, sondern vom ursprünglichen Konzept der Lehre direkt mehrere Schritte zu überspringen.


Wären Sie selbst offen eine Vorlesung von zuhause aus in VR abzuhalten?


Der Lehrstuhl für Marketing I an der Johannes Gutenberg-Universität zeichnete sich schon immer dadurch aus, dass mit innovativen Themen und innovativer Didaktik die Studenten Spaß am Wissenserwerb haben. Von daher: eindeutig ja.

Welche Vorteile könnten Ihrer Meinung nach einer Vorlesung in VR im Gegensatz zu den aktuellen Videoveranstaltungen bieten?

Vor Corona hatten wir bereits immer zwei Veranstaltungen pro Vorlesungen als Videoveranstaltung durchgeführt. Das war für mich völlig in Ordnung und von den Studenten haben wir jedes Semester sehr positives Feedback dazu bekommen. Durch Corona haben wir jetzt aber die komplette Vorlesung als Videoveranstaltung. Dieses Format überzeugt mich nicht wirklich. Normalerweise erzähle ich auch viel aus meiner eigenen Zeit als Berater, um den Inhalt dadurch anschaulicher zu gestalten. Manchmal fällt mir aber auch eine lustige Geschichte aus dieser Zeit ein, während ich die Vorlesung halte. Das führt meistens zu vielen Lachern von Seiten der Studenten und mir und dadurch z.B. auch zu einer guten Stimmung im Raum. Da ich bei den Videoveranstaltungen so sehr darauf achten muss, die Zeit einzuhalten, damit die Studenten mit den ganzen digitalen Inhalten nicht überfordert werden, fällt dies nun alles weg. Deshalb verliert die Vorlesung in diesem Video-Format für mich an Emotionalität und wird stattdessen eine sehr nüchterne und rein sachliche Veranstaltung.

Zum Teil liegt das auch an mir. Im Hörsaal vor den Studenten macht eine Vorlesung mehr Spaß. Man spürt, ob ein Thema ankommt oder ob man es vielleicht nochmal anders erklären muss. Wenn ich eine Vorlesung wie aktuell von zuhause vor meinem Bildschirm ohne reales Publikum halte, fehlt mir dieser Bezug zum Auditorium. Wenn ich nun VR verwende um meine Vorlesung zuhalten, kommt das schon sehr nahe an die ursprünglichen Hörsaal – Zuschauer- Situation heran. Aus diesem Grund sind wir aktuell dabei, den Einsatz von VR bei einer Veranstaltung als Pilotprojekt für das kommende Wintersemester zu planen.


Avatar von Professor Frank Huber im virtuellen Vorlesungsraum.


5) "In 5 Jahren besitzt fast jeder Haushalt VR Brillen wie z.B. heute Handys und Laptops und verwendet sie für unterschiedlichste Einsatzbereiche wie z.B. Urlaubssimulation, Einkaufen, Meetings, zur Lehre/ als Lernräume."

Wie stehen Sie zu dieser Aussage?


Fünf Jahre glaube ich nicht. Corona und die einhergehenden Maßnahmen zur Eindämmung haben einfach gewaltige ökonomische Konsequenzen. Von einer V-förmige Entwicklung der Wirtschaft, d.h. dass die Wirtschaft sich gleich schnell von Corona erholt, wie sie eingebrochen ist, bin ich nicht überzeugt. Aufgrund dieser ökonomischen Situation können sich meiner Meinung nach nicht alle Verbraucher innerhalb der nächsten fünf Jahre eine VR Brille und das gesamte notwendige Equipment leisten. In sieben bis zehn Jahre vermute ich jedoch eine Verbreitung von VR-Brillen, die der Diffusion der Smartphones zu Beginn des Handyzykluses entspricht. Fast alle technologieaffine Konsumenten dürften dann mit Folgeversionen der jetzigen VR-Brillen ausgestattet sein.


Finales Statement von Frank Huber

Ich glaube wirklich, dass Corona ein Game Changer ist. Corona hat die Bevölkerung nicht nur aus ökonomischer und emotionaler Sicht durcheinandergebracht, sondern auch für ein Paradigmenwechsel in den Unternehmen gesorgt. Durch Corona ist auf einmal viel mehr möglich und die Offenheit für Neues ist gestiegen. Beispielsweise kenne ich Unternehmen, die nun die Durchführung regelmäßige Stresstests bei der IT eingeführt haben, um ihren im Home-office arbeitenden Mitarbeitern auch in Zukunft eine sichere Technologie für das Arbeiten fernab der Firma zu liefern.

Coming Soon....nächste Woche am #digitalthursday erzählt uns Martin Zimmermann, CEO der insimity GmbH, welches Potenzial er in AR &VR für die Bildung sieht. Dabei beschreibt uns der First Mover im Bereich VR in Deutschland, wie er Schulen und andere Bildungseinrichtungen dabei unterstützt, AR &VR zu verwenden.


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