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10 Sabrina Dick, HR Director, über Digitalisierung, die uns wieder humaner macht

Sabrina Dick treibt als Human Resources Director bei SAP Central & East Europe die digitale Transformation voran. Im Interview verdeutlicht sie den steinigen Weg und die falsche Herangehensweise vieler Unternehmer bis zur digitalen Transformation. Der Einstieg in die Anwendung von AR/ VR bedarf ein grundlegendes Interesse an Digitalisierungsprozessen, sagt Sabrina Dick. VR ist in der Gesellschaft gedanklich noch immer stark im Gaming Bereich verankert und daher für die Arbeitswelt meist zu abstrakt. Die Human Resources Direktorin deckt Use Cases auf und vereinfacht damit den Einstieg in AR/VR in ihrem Bereich. Sie ist davon überzeugt, die Digitalisierung uns trotz des Einsatzes von neuen Technologien vor allem menschlicher macht und Empathie als DIE Kernkompetenz für Führungskräfte der Zukunft, fördert.

Die Expertin

Sabrina Dick


Human Resources Director SAP Central and Eastern Europe


Branche Softwareanbieter

Kontaktpunkte zur AR/VR:


privat:

  • Ausprobieren von Filtern bei Instagram und anderen sozialen Medien, generell eher weniger

geschäftlich:

  • Nutzung von AR Hintergründen bei Video-Calls, generell eher weniger

„Die Digitalisierung macht uns humaner - das zeigt sich auch bei den Einsatzmöglichkeiten von AR/VR."


1) Welchen Vorteil sehen Sie durch die Verwendung von AR/VR gegenüber anderen Medien dafür?

Ehrlich gesagt, waren mir die Unterschiede von AR und VR bisher noch nicht eindeutig klar. Im Zuge des Interviews habe ich mich deshalb in die Themen eingelesen. Gestern habe ich dann festgestellt, dass wir für unser Employer Branding Team kürzlich einen „Job Randomizer“ AR Filter gepostet haben, bei dem man eine beliebige Antwort für einen Job erhält, wenn man den Filter im Instagram Story Modus anklickt.


AR Filter SAP

Wenn ich als Personaler generell über die Technologien nachdenke, glaube ich, dass VR extrem zur Wertstiftung in den Bereichen Training, Simulation und Arbeitssicherheit beitragen kann im Gegensatz zu anderen Medien. Wenn Teilnehmer bei Schulungen statt eins Videos anzuschauen eine Simulation in VR durchführen, hat das durch das aktive „Tun“ einen viel größere Effekt. So können sich die Teilnehmer das gelernte viel besser merken. Dabei bietet VR ein realitätsnahes Szenario, jedoch in einem sicheren Umfeld. Teilnehmer können sich ausprobieren und Fehler machen, ohne dass es schwerwiegende Konsequenzen hat.

AR sehe ich stattdessen sehr stark im Bereich Vertrieb und Marketing, weil man einfach coole Sachen machen kann, wie zum Beispiel mit dem AR Filter von SAP. Wenn man so etwa sieht, möchte man es einfach ausprobieren. Mein 6-jähriges Patenkind fragt zum Beispiel immer wenn wir uns sehen, ob sie die „Hundemaske“ anziehen kann und meint dabei den AR-Filter von Snapchat. So etwas hat einen riesigen Spaßfaktor. Ein normales Selfie hingegen wäre langweilig für sie. Solche AR-Filter empfinde ich deshalb als einfach und intuitiv zu handhaben und es ist spannend, da es einen neuen Zusatz zu den Apps bietet, die wir aktuell nutzen. Sehen Sie für AR/VR auch Einsatzmöglichkeiten für den HR Bereich?

Ja definitiv. Teilweise wurde es auch schon bei SAP eingesetzt. Zum Beispiel haben meine Kollegen aus der Schweiz ein grandioses Pilotprojekt als Use Case für VR geschaffen, damit neuen Mitarbeitern der Einstieg in unser Unternehmen erleichtert wird. Jeder Mitarbeiter, der während der Pandemie neu bei SAP Schweiz angefangen hat, hat im Zuge seines Onboardings eine günstige VR Brille nachhause geschickt bekommen. Damit konnte jeder zukünftige Mitarbeiter dann einen Rundgang durch das Büro machen, seinen eigenen Arbeitsplatz und die Kollegen sehen, die neben ihm sitzen werden. Das bedeutet, dass der neue Mitarbeiter am ersten Tag in das Büro kommt, sich aber nicht fremd fühlt, weil er ja durch den bereits durchgeführten digitalen Rundgang wusste, was ihn erwartet. Bei SAP ist der Onboarding Prozess generell schon sehr gut. Durch die zusätzliche Nutzung von VR mit einem virtuellen Rundgang wird das nochmal besser. Die Mitarbeiter fühlen sich gleich viel wohler und sind nicht mehr so nervös, da sie bereits wissen, wie alles aussieht und was sie erwartet. Bei unseren insgesamt eher technologieaffinen Mitarbeitern kam das auch extrem gut an.

Gerade jetzt während der Pandemie fände ich das für neue Mitarbeiter auch sehr wichtig. Sie arbeiten dann zwar eventuell schon seit einem halben Jahr bei SAP aber eben von zuhause aus. Im Umkehrschluss bedeutet das, wenn sie dann zum ersten Mal wieder ins Büro müssen, sind sie ebenfalls unsicher wie am ersten Tag. Mit einem virtuellen Rundgang in VR könnte man dem entgegenwirken.

Bewerbungsgespräche könnte man momentan auch in einem virtuellen Büro führen. Damit würde man direkt eine professionellere Atmosphäre schaffen, als wenn Bewerber und Personaler jeweils bei sich zuhause an den Küchentischen sitzen.

Ein zusätzlicher Use Case über den ich schon häufiger nachgedacht habe, ist im Bereich Teambuilding. Aktuell können wir nur bedingt zusammen sein. Mein Team sitzt zum Beispiel verstreut in Osteuropa. Aufgrund der Reisebeschränkungen ist aktuell nicht absehbar, wann wir uns das nächste Mal real sehen. Wir werden nie wieder so reisen wie davor, da Unternehmen festgestellt haben, es geht auch mit viel weniger! Freiwillige Teammeetings über Videokonferenz haben auch für viele ihren Reiz verloren. Um das Team trotzdem zusammenzuhalten, einen neuen Reiz zu schaffen und auch wieder aktiv etwas gemeinsam zu erleben, wäre die Nutzung von VR eine tolle Sache!

Auch für Führungskräfte sehe ich einen Use Case von VR. Viele werden auf Konflikt- oder gar Trennungsgespräche kaum vorbereitet, sind unsicher, es fehlt ihnen die Erfahrung. Wenn man das aber schon vorher in VR üben könnte über Rollenspiele auch mit verschiedenen Reaktionen der Mitarbeiter, wäre man als Führungskraft viel besser auf die Kündigungsgespräche vorbereitet und die Hemmschwelle, dies mit realen Personen, oder evtl noch einem Kollegen aus der HR Abteilung zu üben, weitaus geringer.

Insgesamt glaube ich, dass man mit VR sehr viel machen kann, um bestehende Prozesse zu unterstützen und zu verbessern. Allerdings sind meiner Meinung nach die meisten HR-Abteilungen noch zu sehr damit beschäftigt, überhaupt erstmal digital zu werden. Die Integration von AR/VR wären dann erst die darauffolgenden Schritte. Wir bei SAP haben den Vorteil, dass wir schon immer digital waren und auch bei digitalen Themen Vorreiter sind. Trotzdem stehen wir hinsichtlich der Nutzung von AR/VR noch am Anfang. Ich bin aber sicher, dass wir in naher Zukunft die nächsten Schritte auf diesem Gebiet machen. Einfach deshalb, weil insbesondere VR uns die Chance bietet, die aktuell bestehende Lücke zwischen digitaler und physischer Welt zu verkleinern.


Bei SAP treiben Sie die digitale Transformation für den Bereich HR voran. Insbesondere sprechen Sie hierbei von den drei Bereichen Kultur, Prozess und Technologie, die eine erfolgreiche digitale Transformation ausmachen.


2) Gehört für Sie hierbei auch der Einsatz von AR/VR dazu und wenn ja, warum?


Ja definitiv. Um nochmal kurz meine Betonung auf die drei Bereiche Kultur, Prozess und Technologie im Rahmen der digitalen Transformation zu erklären: Mir ist das deshalb so wichtig, da sich viele Unternehmen durch die Einführung von HR Software erhoffen, dass sich ihre Prozesse verbessern und sie effizienter arbeiten können. Oft sind sie dann enttäuscht, wenn sich die gewünschten Effekte nicht aufzeigen, oder viel mehr Zeit im Nachhinein in Anspruch nehmen. Deshalb betone ich immer, dass die Technologie erst am Ende kommt und dann auch das einfachste ist, wenn man den Anfang richtig macht. Unternehmen sollten bei der digitalen Transformation mit der Kultur anfangen und ganz klar ihre Strategie formulieren können. Damit Unternehmen das beantworten können, sollten sie sich folgende Fragen stellen:

- Wo will das Unternehmen hin?

- Wie sieht es sich in der Zukunft?

- Welche Skills brauchen die Mitarbeiter dafür?

Daraus ableitend sollten sich Unternehmen dann die Frage stellen, wie sie ihre bestehenden Prozesse verändern müssen, damit die Software dafür eingesetzt werden kann. Hier kommt bereits die Technologie ins Spiel, da man nur im Bereich des technologisch möglichen, die Prozesse digital abbilden kann. Wenn diese Fragen alle beantwortet sind und die Prozesse dementsprechend angepasst wurden, ist die Einführung der Technologie das einfachste. Wenn Unternehmen sich diese Gedanken nicht machen, kann die Technologie niemals erfolgreich werden. Sprich, wenn Mitarbeiter noch gar nicht das Mindset haben und bereit sind z.B. eine digitale Personalakte zu haben, dann wird man den Invest in die Technologie niemals reinholen können. Um diese Akzeptanz für die digitalen Prozessen von Seiten der Mitarbeiter zu erhöhen, könnte man AR/VR einsetzen. Wenn sie sehen, wie ihre Arbeit damit erleichtert wird, wären sie meiner Meinung nach auch schneller bereit, den Wandel zu akzeptieren.

Zusätzlich wird dieser digitale Wandel niemals enden, es wird sich in diesem Bereich immer weiterentwickeln. Der Lockdown hat hier auch nochmal zu einer Weiterentwicklung geführt. Viele Unternehmen haben jetzt auch zu spüren gekriegt, wie wichtig diese digitale Transformation ist. Wir bei SAP sind schon sehr digital. Die Pandemie hat dennoch dazu geführt, dass wir bei unseren digitalen Prozessen nochmal einen Gang höher geschaltet haben und in kürzester Zeit alles vom Homeoffice aus steuern konnten.

Durch den Turbogang in Bezug auf die digitale Transformation und die schnelle Adaption ins Homeoffice bei SAP, suchen wir jetzt auch bereits wieder nach den nächsten neuen Möglichkeiten, um das Arbeiten vom Homeoffice noch stärker zu verbessern. Man spricht hier nun auch von „The New Normal“, wenn es um die aktuellen Arbeitsbedingungen geht. Es ist klar, dass wir auch in Zukunft weniger physisch zusammen sein werden. Trotzdem wollen wir als Team Spaß zusammen haben. Deshalb können AR/VR hierbei sehr hilfreich sein und ich denken SAP wird hier in den nächsten Jahren sehr viel investieren, um die Integration voranzutreiben, damit das Arbeiten im „New Normal“ erleichtert wird.

Auch wenn teilweise die Tore für Mitarbeiter bei SAP jetzt wieder geöffnet werden, gibt es sehr viele Auflagen, die zu beachten sind. Um Mitarbeiter darauf vorzubereiten und ihnen den Einstieg vom Arbeiten aus dem Home-Office in „Arbeiten am Arbeitsplatz aber mit Auflagen“ zu erleichtern, könnten sie auch ein virtuelles Training in VR absolvieren. Gerade in diesen Zeiten ist es wichtig seinen Mitarbeitern wieder mehr Sicherheit zu geben und die Emotionen ins positive zu steuern, das ist mit Trainingssimulationen in VR sehr gut möglich.

3) Welche prozessbedingten und technischen Hürden gibt es bei der Integration von AR/VR im Bereich Human Resources? Gibt es auch andere Hindernisse, wie z.B. Kulturelle Unterschiede, die den flächendeckenden Einsatz von (AR)/VR in Unternehmen zum Beispiel für virtuelle Meetings, Teambuilding Aktivitäten oder Bewerbungsgespräche?

Ich denke zunächst ist es erstmal ein großes Investment. Zusätzlich muss wie bei allen digitalen Transformationen die Kultur so weit sein. Dann denke ich, dass Unternehmen, die ihre Prozesse noch nicht digital abgebildet haben, werden das zunächst angehen müssen. Wenn dieser Schritt getan ist, ist es für mich der logische nächste Schritt AR/VR an geeigneten Stellen zu integrieren. Ich glaube sogar, dass die produzierenden Gewerbe hier auch die Ersten sein werden, da sich bei ihnen die Integration einfach sehr anbietet.

Bei SAP ist die Hürde meiner Meinung nach auch gering, da die Mitarbeiter generell schon sehr technologieaffin sind. Ich persönlich bin auch davon überzeugt, dass die Digitalisierung uns wieder humaner macht. Empathie ist für mich die wichtigste Kompetenz, die eine Führungskraft mitbringen muss, die nebenbei bemerkt durch die Möglichkeit verschiedene Perspektiven aktiv anzunehmen, ebenfalls bis zu einem gewissen Grad in VR trainiert werden kann. Führungskräfte können sich hier nicht mehr mit „Ich habe keine Zeit für meine Leute“ rausreden. Sie können und müssen sich wieder mehr um den Menschen kümmern, da ihnen so viel von der Maschine abgenommen wird. Je digitaler wir werden, umso wichtiger ist das. Wenn man an den Namen „Virtual Reality“ denkt, stellt man sich zunächst auch vor, dass jetzt alles weg geht von der Realität und komplett digital wird. Das stimmt aber nur bedingt, da uns VR ermöglicht, dass wir über Länder-, Alters- & gesundheitlichen Grenzen wieder näher zusammen sein können.


4) Gibt es etwas, dass Sie sich von Seiten der Entwickler und AR/VR Enthusiasten wünschen, dass die Verbreitung der Technologien für HR-Prozesse innerhalb von Unternehmen erleichtern könnte?

Ich als Laie habe immer noch den Eindruck, dass VR in der Gesellschaft direkt in den Bereich Gaming kategorisiert und als weniger relevant für den Beruf bewertet wird. Man hat immer noch das Bild von Gamern mit VR-Brillen im Kopf, die sich willkürlich im Raum bewegen. Alle Außenstehenden können damit zunächst nichts anfangen.

Ich glaube, dass es für Menschen, die sich nicht in einem digitalen Umfeld wie ich bewegen, schwieriger ist den Transfer vom Gaming in das berufliche Umfeld zu leisten. Ich habe mich eingelesen und habe die Anwendung von VR für Trainings- und Arbeitssicherheit direkt positiv bewertet und Anwendungsmöglichkeiten in meinem Umfeld gesehen. Ich glaube aber, dass es für Personen im Handwerk schwieriger ist diese Abstraktion durchzuführen, um den Mehrwert zu erkennen. Ein einfaches Beispiel wäre man geht in die Schreinerei und bietet an, dass Trainings zum sicheren Umgang mit der Säge virtuell durchgeführt werden können. Die Reaktionen sind wahrscheinlich in den meisten Betrieben zunächst zurückhaltend.

Man muss es erstmal schaffen, VR aus der Verankerung im Gaming Bereich herauszulösen und Aufklärungsarbeit betreiben. Es ist wichtig zu zeigen, welche Use Cases es von ernstzunehmenden Unternehmen und nicht nur von Spielern gibt. Man muss es schaffen die Brücke zwischen „ich sitze 24/7 in einem dunklen Raum und verliere mich in einer anderen Welt“ und Business Anwendungen zu schlagen.

Die Zielgruppe wird momentan schon bei der Werbung für VR Brillen bestimmt, indem mehrheitlich Bilder aus der Gaming Branche gezeigt werden. Hier sollten die großen VR-Brillen Hersteller wie Oculus oder HTC Vive bereits ansetzen, in dem man die Hardware so bewirbt, dass Unternehmer sehen, welchen Mehrwert sie im Arbeitsleben bietet.

Werbung Oculus Quest als Beispiel für die Positionierung im Gaming Bereich

Ich glaube, dass man hier schlicht und ergreifend Aufklärungsarbeit leisten muss, und zwar in Massenmedien. Nicht nur in spezifischen Bereichen, sondern es muss in der Gesellschaft und in Unternehmen ankommen. Gespräche wie diese sind genau der richtige Weg dorthin!


5) Stichpunkt Corona Krise: Haben Sie persönlich Veränderungen im beruflichen oder privaten Umfeld in Bezug auf die Akzeptanz oder den Informationsbedarf hinsichtlich Möglichkeiten mit AR/VR bemerkt?


Es hat jetzt niemand gesagt „Das brauchen wir jetzt“. Dennoch fordert die Situation von uns, dass wir uns nun digital über Zoom, Microsoft etc. austauschen. Und hier nutzt auf einmal jeder AR ohne es zu wissen. Die eingeblendeten Hintergründe sind mittlerweile für jeden ganz natürlich beim Videocall. Zuerst hat nur ein Tool die Hintergründe angeboten. Der Nutzen war aber anscheinend so groß, dass andere hier schnell nachgerüstet haben. Die Hintergründe sind eine gute Zwischenlösung, um die Technologie näher zu bringen.

Mittlerweile ist überall in der Gesellschaft angekommen, dass man es privat oder beruflich nutzt, auch wenn der Arbeitgeber es nicht initiiert hat. Man wurde aus der Situation heraus dazu gezwungen und macht es einfach. Und wenn man dann anfängt von AR/VR zu reden und sagt „Du machst das ja schon“, ist es viel einfacher die Technologien näher zu bringen. Da fällt erstmal auf wie einfach und hilfreich eine Anwendung sein kann.

Die meisten assoziieren die einfache Anwendung von Hintergründen oder Filtern nicht mit AR/VR. Wenn aber einmal die Verbindung da ist, wird es immer einfacher an die Anwendung heranzuführen, weil sie den Nutzen selbst schon erkannt haben. Ich habe es schon zu Beginn der Corona-Krise gesagt. Corona ist eine Riesenchance- gerade für Themen wie AR/VR und die Digitalisierung im Personalbereich, weil Unternehmen feststellen, dass Prozesse auch in Ausnahmesituationen aufrecht erhalten bleiben können.


6) Daraus lässt sich schließen, dass Sie Corona eine große Relevanz für AR und VR zusprechen. Erwarten Sie auch Sie branchen-/ anwendungsspezifische Unterschiede?


Wie bereits erwähnt, glaube ich, dass es allgemein an Relevanz gewinnt aber vor allem in Unternehmen, die auch eine Produktion haben, weil hier Themen wie Arbeitssicherheit Anwendung finden. Anders bei SAP, das kein produzierendes Unternehmen ist, gewinnt VR beispielsweise für Mitarbeiterbindung und -motivation an Bedeutung. Das sind aber Themen, die eher On-Top sind, d.h. keine eilige Notwendigkeit haben.

Aber ich glaube, dass durch die Notwendigkeit eine stärkere Verbreitung von AR und VR in Unternehmen mit Produktion stattfindet. Sobald es Zertifizierungen gibt und für Menschen gefährliche Prozesse in VR übersetzt werden, findet eine schnelle Verbreitung statt und Investitionen folgen. Schlussendlich spart das Unternehmen dadurch und wiegt Mitarbeiter in eine sichere Umgebung, sowie schon bei Flugsimulatoren in der Pilotenausbildung.

Ich glaube tatsächlich, dass sich die Technologie in Unternehmen, die nicht klassisch als digitale Vorreiter gelten, schneller verbreitet.

Denken Sie, dass die Darstellungsweise in VR durch Avatare, die eher comichaft erscheint, für viele ein Hindernis darstellen, um die Anwendung zu nutzen?

Bei Meetings mit einer ernsthaften Diskussion ist eine Darstellung mit Avataren eher nachteilig. Da müsste sich die Technologie erstmal weiterentwickeln, weil die Darstellungen als Avatar nicht ernst genommen und folglich nicht angewendet wird. Hier würde ich wahrscheinlich eher auf AR zurückgreifen. Damit man das Gefühl hat man sitzt mit der Person zusammen. Anders bei einer Simulation von Arbeitsprozessen, einem Rundgang in einem Büro oder bei Teambuildingmaßnahmen: Da sehe ich keine Probleme.


7) "In 5 Jahren besitzt fast jeder Haushalt XR Brillen wie z.B. heute Handys und Laptops und verwendet sie für unterschiedlichste Einsatzbereiche wie z. B. Urlaubsimulation, Einkaufen, Meetings, zur Lehre/ als Lernräume."


Wie stehen Sie zu dieser Aussage?


Ob es in 5 Jahren soweit ist, weiß ich nicht. Aber es wird so kommen. Ich bin mir sicher, weil wir uns einfach immer mehr in die Richtung entwickeln. Es wird auch nicht die letzte Pandemie oder letzte Ausnahmesituation sein. Dadurch werden wir uns immer mehr an die digitale Arbeit gewöhnen. Jeder Haushalt, unabhängig davon ob es sich um einen einkommensschwachen Haushalt handelt oder nicht, besitzt ein Smartphone und ist in irgendeiner Form auf Social Media vertreten – sei es Snapchat, Instagram oder anderes. Das heißt, die meisten nutzen es dadurch heute sowieso schon. Der Anfang ist damit gemacht. Die Möglichkeiten, die es bisher gibt, sind grandios. Zum Beispiel eine Urlaubssimulation in der man jetzt nicht nur das Hotel von außen sieht, sondern es sich im Zimmer gemütlich machen kann und am Tisch im Restaurant sitzen und die Aussicht genießen kann. Mehr dieser Use Cases müssen kreiert und ausgerollt werden, um die Verbreitung zu beschleunigen.

Wenn ich es aus Sicht der Personalabteilung beurteile, sehe ich wie weit SAP, als Vorreiter in Sachen Technologien, trotzdem noch von VR entfernt ist. Bei anderen Unternehmen ist das noch viel mehr der Fall. Deshalb bezweifle ich, dass die Anwendung von XR Brillen in 5 Jahren schon zur Normalität gehören wird. Unternehmen konzentrieren sich jetzt erstmal auf die wesentlichen Digitalisierungsschritte, um auf Ausnahmen besser vorbereitet zu sein. Ich schätze eher mit einer flächendeckenden Verbreitung in 5-10 Jahren. Wobei ich mir vorstellen kann, dass es dann schon wieder neue Technologien geben wird. Zum Beispiel werden Avatare vollkommen dem Menschen gleichen und gute Hardware günstiger und in der breiten Masse zugänglich ist.


Finales Statement von Sabrina Dick:


Dass die Digitalisierung, sprich das Ablösen von physischen hin zu digitalen Prozessen, uns menschlicher macht, davon bin ich überzeugt. Dass zeigt sich auch wieder, wenn wir uns die Use Cases von AR/VR anschauen. Der Einsatz dieser Technologien ist für mich definitiv Teil der fortlaufenden digitalen Transformation von Unternehmen.

Nächste Woche am #digitalthursday ziehen wir ein zweites Zwischenfazit mit einem #factsheet. Nach 10 Interviews mit Experten aus unterschiedlichen Bereichen und in unterschiedlichen Entwicklungsstufen, geben wir einen Überblick über die neu gewonnenen Erkenntnisse.


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