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15 CTO André Neubauer zeigt Vorteile von AR für den Handel & gibt Insights zu Prozess-Entscheidungen

André Neubauer, ehemaliger CTO von Mister Spex, begleitete die Entwicklung der AR-Anwendung und kennt die Schwierigkeiten bis zur Findung der optimalen Lösung. Mister Spex war einer der ersten Online-Shops in Europa, der eine virtuelle Anprobe von Brillen ermöglichte und löst bis heute damit bei Konsumenten große Begeisterung aus. In unserem Interview erläutert er die Fragen, die sich jedes Unternehmen bei der Einführung einer neuen Anwendung stellen sollte.

Der Experte

André Neubauer


Chief Technology Officer bei Mister Spex (bis August 2020, seit September 2020 Chief Technology Officer bei smava GmbH)


Augenoptik

Kontaktpunkte zu AR/VR:

privat:

  • während des Studiums bereits AR-Projektarbeiten bearbeitet

  • vor 10 Jahren Anwendung für ImmobilienScout in AR umgesetzt

  • nutzt Apps zur maßstabtreuen Darstellung (Mister Spex, IKEA APP, Ausmessen allgemein etc.)

  • vermisst „Killer“-App mit einzigartigem Value zur Nutzung von AR

  • keine Nutzung von VR Anwendungen durch metnale Verankerung im Gamingbereich

geschäftlich:

  • seit 5 Jahren AR bei Mister Spex


„Augmented Reality ist eine der disruptivsten Technologien, die wir in den nächsten 10 Jahren sehen werden.“


Mister Spex war eines der ersten Unternehmen, die eine AR-Anwendung als zentrales Feature in einem Online-Shop integrierten und seither das verfügbare Sortiment für die Anwendung stetig erweitert.

1) Aus welchem Bedürfnis heraus und mit welchen Hintergedanken ist die AR Anwendung entstanden und wie hat sie sich seit der Einführung bei Mister Spex weiterentwickelt?

Die virtuelle Anprobe ist eines der Features, das die meisten Leute bei Mister Spex so begeistert. Wenn ich mit jemandem darüber spreche, dass ich bei Mister Spex gearbeitet habe, werde ich sehr häufig auf dieses Feature angesprochen. Insbesondere bei Personen, die nicht technikaffin sind, lösen solche Funktionen - neben dem eigentlichen Mehrwert - große Begeisterung aus. Bei Mister Spex beispielsweise unterstützt die virtuelle Anprobe den Auswahl-Prozess auf spielerische Art und Weise, die richtig Spaß macht.


Dabei hat sich die Technologie bei Mister Spex in den Jahren sehr stark verändert. Man hat früh erkannt, dass man Kunden eine Möglichkeit bieten muss, um Brillen einfach auszuprobieren. Für den Anfang bewertete man die 3D-Ansicht noch als zu komplex und startete mit einer selbst entwickelten 2D-Ansicht. Kunden haben ein Bild von sich hochgeladen. Die Brille wurde über das Bild gelegt und mittels Pupillenerkennung und ausgerichtet. Damit war die erste Ansicht fertig. Der Kunde konnte die Position der Brille dann noch anpassen und hat ein erstes Gefühl dafür bekommen, ob die Brille zu ihm passt.


Um einen größeren Mehrwert für die Kunden zu bieten, hat Mister Spex dann eine 3D-Live-Ansicht auf Basis der TryLive-Technologie von AcepTryLive entwickelt. Dazu wird das Livebild aus der Kamera um ein virtuelles 3D-Modell einer Brille ergänzt. Wenn man sich bewegt, wird das entsprechend Modell angepasst, so dass der Kunde sehen kann, wie die Brille aus verschiedenen Perspektiven auf seinem Kopf aussieht. Das Problem war jedoch, dass diese Lösung nicht auf mobilen Endgeräten funktioniert hat.


Live-Brillenanprobe bei Mister Spex

Warum haben Sie diese Anwendung nicht mehr selbst entwickelt?


Das ist eine Entscheidung, mit der sich Unternehmen vor Einführung gut auseinandersetzen sollten. Bei jeder technologischen Anwendung stellt sich die Frage „Make or Buy?“ Solange die Technologie noch nicht ausgereift ist, kann es durchaus Sinn machen, diese extern einzukaufen. Die Entwicklung der letzten Jahre im AR-Umfeld zeigt, wie stark sich die Lösungen für den Einsatz im Web verändern haben. Während früher Flash zum Einsatz kam, basieren alle modernen Lösungen heutzutage auf HTML5. Das bringt große Investitionen mit sich. Die Frage, die man sich stellen sollte, ist, ob man das als Unternehmen selbst stemmen möchte, oder ob man eine fertige Lösung kauft, die im Zweifelsfall einfacher und günstiger ist.


Wie hat sich die Anwendung danach weiterentwickelt?


Da die Technologie zu der Zeit noch relativ am Anfang war, hat es auch bei uns gedauert, bis wir eine gute Anprobe auch auf mobilen Endgeräten anbieten konnten. Vor 1,5 Jahren haben wir uns deshalb entschieden, mit ditto zusammenzuarbeiten. Auf Basis deren Technologie haben wir eine Video-AR, anstatt wie zuvor eine Live-AR Anwendung entwickelt.

Dabei wird bei der ersten Anprobe ein Video vom Gesicht durch den Kunden aufgenommen und daraus ein 3D Modell erstellt. Dafür muss der Kunde nur einmal nach links und rechts schauen. Anschließend können ALLE Brillen anprobiert werden. Die Berechnung findet dabei zentral statt, so dass das Kundenerlebnis unabhängig von der Rechnerkapazität des Endgerätes des Kunden ist.

Ein weiterer Vorteil im Vergleich zur Live-Anprobe ist, dass die initiale Aufnahme ohne eigene Brille, die Anprobe aber anschließend wieder mit Brille erfolgen kann. So ist die Ansicht nicht verfälscht und der Auswahlprozess einfacher.


Virtuelle Anprobe mit Video bei Mister Spex: https://www.misterspex.de/


Welche Faktoren spielen bei einer flüssigen Darstellung eine Rolle?


Es gibt zwei Faktoren:


1) Das Rendering

Dies gilt nur die Live-Ansicht und bezieht sich darauf, wie viele Polygone (bedeutet: wie viele Vielecke zur Darstellung des Bildes) berücksichtigt werden. Eine höhere Anzahl an Polygonen erlaubt einen höheren Detailgrad,hrt jedoch auch zu einer höheren Rechenleistung auf dem Endgerät des Kunden

2) Die Asset-Qualität

Die Qualität des 3D Modells der Brille, das auf das Bild bzw. Video projiziert werden soll. Im Fall von Mister Spex spiegelt sich das in den Details der Brille wider.


Welche weiteren Unterschiede ergeben sich durch die Nutzung von Live- oder Video-Modell?


Einschränkungen existieren für beide Ansätze und kommen primär aus der mobilen Nutzung. Da die mobile Nutzung in allen Branchen stetig steigt, sollte man insbesondere hier auf ein gute Kundenerlebnis achten.


Bei der Live-Ansicht muss nur das 3D-Model der Brille heruntergeladen werden. Die Positionierung im Live-Bild erfolgt auf dem Gerät, so dass der Datenverbrauch gering ist. Jedoch ist die benötigte Rechenkapazität vergleichsweise hoch, was bei mobiler Nutzung Auswirkungen auf den Akkuverbrauch hat.


Bei der Video-Ansicht wird die zentral berechnete Darstellung heruntergeladen. Der Datenverbrauch ist je nach Darstellungsqualität hoch, die Rechenkapazität durch Darstellung jedoch geringer.


Eine perfekte Lösung gibt es also nicht.



2) Wie häufig wird die AR Funktion tatsächlich genutzt und denken Sie, dass diese Funktion ausschlaggebend ist, dass viele Ihrer Kunden Bei Ihnen und nicht bei einem anderen Brillenanbieter einkaufen?


Bei Mister Spex können Kunden im Online-Shop aus mehr als 10.000 Fassungen wählen. Zudem gibt es die Möglichkeit, sich bis zu vier Brillen für eine kostenfreie Anprobe nach Hause liefern zu lassen. Bei der Entscheidungsfindung hilft die 3D-Anprobe enorm und ist für die Reduktion der Sortimentskomplexität nicht mehr wegzudenken.

Unsere Analysen zeigen auch, dass Interessenten, die eine 3D Anprobe durchgeführt haben, sich viel häufiger Brillen zur Anprobe zuschicken lassen und davon eine letztendlich kaufen.


Gibt es seitens der Kunden auch Schwierigkeiten bei der Nutzung der 3D-Ansicht?


Das ist von Kunde zu Kunde unterschiedlich. Erfahrene Online-Shopper sind damit häufig vertraut. Wir wollen aber natürlich alle Kunden an diese Innovation heranführen. Deshalb betreiben wir viel Forschung auf quantitativer als auch qualitativer Ebene und überarbeiten die Interaktionskonzepte fortwährend, um das Kundenerlebnis zu verbessern und mögliche Skepsis abzubauen. Hier haben wir in den letzten Jahren viel erreicht.


Ein bestehendes Problem ist maßstabsgetreue Darstellung der Brille. Da weder Video noch Live-Bild Referenzinformationen zur Größe von Objekten enthalten, muss man immer noch auf Zwischenlösungen ausweichen. Dies können Abschätzungen oder die Verwendung einer handelsüblichen Chipkarte als Referenzobjekt sein. Stereo-Kameras, wie sie immer häufiger in Smartphones verbaut werden, werden dieses Problem langfristig lösen.


Die Technologie sollte aber nie im Vordergrund stehen, sondern nur dem verbesserten Kundenerlebnis dienen. Zusammen mit anderen Tools wie einem Online-Sehtest und einer Pupillendistanzerkennung kommen wir unserer Vision näher, den Brillenkauf neu zu definieren. Kunden können ihre Brille - auch an einem Sonntag - einfach bestellen und wenige Tage später das fertige Produkt in den Händen halten.


3) Aufgrund Ihrer langjährigen Erfahrung als CTO und Softwareentwickler:


Welche Hürden hatten Sie auf dem Weg zur Umsetzung zu meistern und welche Learnings können Sie aus Ihrer Erfahrung heraus Unternehmern, Bildungseinrichtungen und Interessierten geben, die ebenfalls ein Projekt mit AR entwickeln möchten?

Als erstes stellt sich die Frage „Muss ich das alles selbst machen?“. Durch die schnelle technologische Weiterentwicklung besteht immer das Risiko, dass eine Technologie, die wir heute noch nutzen morgen schon überholt ist. Aus einem Vorteil entsteht dann eine Last. Nichtsdestotrotz kann dieser Ansatz Sinn machen, z.B. wenn es sich um eine hohe strategische Relevanz für das Unternehmen handelt.


Ein weiteres Hindernis, das mich beruflich regelmäßig zur “Verzweiflung” bringt, ist die unterschiedliche Entwicklung von Plattformen in denen AR Anwendung findet. Browser werden zum Beispiel immer restriktiver. Es braucht zum Beispiel eine explizite Erlaubnis des Nutzers zur Kamera- und Datennutzung. Das kann sich je nach Kunden auf die User Experience und das Kaufverhalten auswirken, gerade falls Kunden digitalen Angeboten gegenüber skeptischer sind. Auch der Zugriff auf weitere Hardware (z.B. Stereo-Kameras in modernen Smartphones) ist im Web-Kontext nahezu unmöglich.


Mobile Apps haben es dagegen einfacher: Wenn der Nutzen nach Installation einmalig allen Zugriffsrechten zustimmt, ist das Kundenerlebnis danach nicht mehr eingeschränkt. Zusätzlich können native Apps direkt auf die Hardware des Gerätes zugreifen und mehr Funktionalitäten oder eine bessere Darstellung ermöglichen.


Wenn sich Unternehmen für die Entwicklung einer eigenen Mobile App entscheiden, müssen sie sich vorher jedoch bewusst sein, dass der Entwicklungsaufwand höher ist und im Zweifelsfall mehrfach anfällt, falls mehrere Plattformen abgedeckt werden sollen. Zusätzlich stellt der App Download für Kunden eine Hürde darstellt, je nachdem wie häufig die App im Nachhinein genutzt wird.


Gibt es weitere Use Cases in Ihrem Bereich mit AR?


Ja, wir schauen uns zum Beispiel Lösungen für unsere Stores an, um das gesamte Online-Sortiment verfügbar zu machen.



4) Sehen Sie in Zukunft auch Use Cases in Ihrem Bereich mit VR? (z.B. einen begehbaren virtuellen Mister Spex Store)?


Nicht wirklich. Wir verkaufen ein physisches und kein virtuelles Produkt. Das heißt, wir verbinden physische und virtuelle Objekte und stellen es in Augmented Reality dar.


5) Stichpunkt Corona Krise: Schätzen Sie, dass Corona einen Einfluss für die Relevanz für AR&VR hat?


Die Covid-19-Situation hat dazu geführt, dass sich die Gesellschaft viel mehr mit Technologien auseinandersetzen muss, um zum Beispiel von Zuhause aus arbeiten zu können oder virtuelle Meetings durchzuführen. Was früher eher die Ausnahme war, ist jetzt „the new normal“. Durch spielerische Annäherungen an AR, wie zum Beispiel virtuelle Hintergründe in Video-Telefonaten werden viele Hürden abgebaut. Für mich ist Corona ein enormer Digital-Boost. Studien zeigen, dass in den letzten 3 bis 4 Monaten die Online-Penetration in einigen Bereichen eine Entwicklung vollzogen hat, wie man sie sonst für den einen Zeitraum von 10 Jahren prognostiziert hätte.


Früher waren Kunden nicht selten skeptisch gegenüber z.B. dem Möbelkauf im Internet. Durch Corona und die genommene Möglichkeit, im Laden einkaufen zu gehen, sind sie gezwungen, einen anderen Weg zu wählen und online einzukaufen. Da man nur noch diese eine Möglichkeit hat und die Erfahrungen damit hoffentlich positiv sind, werden Hemmschwellen automatisch abgebaut.


Insgesamt sehe ich Covid-19 als starken als Treiber für Technologien wie AR. Bei VR kann ich es nicht beurteilen, weil ich zu wenig Berührung mit dem Thema habe. Allgemein bin ich aber davon überzeugt, dass Corona diese Themen voranbringt


6) "In 5 Jahren besitzt fast jeder Haushalt XR Brillen wie z.B. heute Handys und Laptops und verwendet sie für unterschiedlichste Einsatzbereiche wie z. B. Urlaubsimulation, Einkaufen, Meetings, zur Lehre/ als Lernräume."


Wie stehen Sie zu dieser Aussage?


Ich finde, das ist eine total gute Vision. Ob das schon in 5 Jahren voll umfänglich der Fall ist oder vielleicht erst in 10 Jahren, ist eine andere Frage. Das hängt meiner Meinung nach davon ab, wie lange die jetzige Situation noch andauert und wie die Digitalisierung dadurch fortschreitet. Zudem wird sich der Trend zuerst in den jüngeren Generationen durchsetzen.


Die Einsatzzwecke werden sich sicherlich auch ändern. Vieles können wir uns heute noch nicht vorstellen, anderes überschätzen wir, zum Beispiel Urlaubsimulation: Ich bin mir nicht sicher, ob das der richtige Weg ist, um neue Energie zu tanken. Aber das XR Brillen im Alltag integriert sein werden, glaube ich sehr stark.


Sicherlich werden die ersten Versionen nicht so leistungsfähig sein, wie bei jeder anderen disruptiven Technologie auch. Google hat vor einigen Jahren mit Google Glasses schon ein Nischenprodukt angeboten. Jetzt müssen Design und andere Aspekte wie eine gute Akkuleistung gelöst werden, um in den Massenmarkt vorzudringen.


Demnach vielleicht nicht in 5 Jahren, vielleicht nicht alle Haushalte, aber grundsätzlich wird das genau so passieren. Während die sich neuen Technologien weiterentwickeln, wird es dementsprechend zu einer Stagnation im Mobile-Bereich kommen.


Finales Statement von André Neubauer:

Ich glaube, dass AR bisher eher ein Nischendasein fristete und hauptsächlich für Spezialfälle Einsatz fand.


Das war jedoch wichtig, um viele Grundlagen zu schaffen. In ein paar Jahren werden wir ganz andere Use Cases sehen, die unser Leben allgemein einfacher oder sogar sicherer machen. Sicherlich wird AR auch interaktiv und nicht nur zur Darstellung von Informationen eingesetzt. Darauf freue ich mich.


Insgesamt ist es eine der disruptivsten Technologien, die wir in den nächsten 10 Jahren sehen werden!


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